Wer durch die Dörfer La Palmas fährt – besonders im Norden, in Garafía, Puntagorda, Barlovento – sieht es überall: verlassene Häuser, eingestürzte Dächer, zugewachsene Hofeingänge, vernagelte Fenster. Schätzungen sprechen von 15-20% leerstehenden Gebäuden auf der Insel. Warum?
1. Spanisches Erbschaftsrecht: Vielfacherbe blockiert
Das spanische Erbrecht teilt jeden Nachlass strikt unter den Erben. Stirbt ein Hausbesitzer mit drei Kindern, gehört das Haus zu je 1/3 jedem Kind. Hat eines davon vier eigene Kinder, sind diese Enkel ebenfalls Erben des 1/3-Anteils – je 1/12. Nach zwei Generationen kann ein Haus 12-20 Miteigentümer haben.
Verkaufen geht nur, wenn alle Erben zustimmen. Lebt einer in Argentinien, hat sich 30 Jahre nicht gemeldet, will keine NIE-Nummer beantragen – das Haus bleibt blockiert. So entstehen Geisterhäuser die niemandem eindeutig gehören und niemand renovieren oder verkaufen kann.
2. Auswanderungswellen nach Lateinamerika
Wie schon im Demographie-Artikel beschrieben, sind seit dem 19. Jahrhundert zehntausende Palmeros nach Cuba, Venezuela und Argentinien ausgewandert. Sie verkauften ihre Häuser nicht – sie schlossen ab und nahmen den Schlüssel mit. „Für den Fall der Rückkehr.“
Drei Generationen später hat keiner mehr eine emotionale Verbindung zum Häuschen in Garafía. Aber juristisch sind sie noch Eigentümer (oder Erben). Wer auf La Palma ein verfallenes Haus sieht, kann oft mit großer Wahrscheinlichkeit raten: Eigentümer in Caracas oder Havanna, seit 50 Jahren nicht mehr da.
3. Schwarzbauten ohne Genehmigung
Vor allem im Norden wurden in den 1960er-1990er Jahren tausende Häuser ohne Baugenehmigung errichtet. Solange die Gemeinde nicht eingriff, war das toleriert. Aber: Diese Bauten haben keine Eigentumsurkunde, kein Grundbucheintrag, kein offizielles Bestehen.
Wenn der Bauherr starb, ist das Haus juristisch unsichtbar. Erben können es nicht regulär erben. Verkaufen ist fast unmöglich. So bleiben sie stehen, fallen langsam zusammen.
Eine teilweise Amnestie 2018 hat einige Bauten nachträglich legalisiert. Aber der Antrag ist Geld- und Zeitaufwand – viele Erben verzichten und lassen das Haus zerfallen.
4. Der Vulkan-Effekt: Tajogaite 2021
Am 19. September 2021 begann der Tajogaite auszubrechen. 1.345 Gebäude wurden zerstört, dazu hunderte mehr beschadigt. Die Lava verschluckte ganze Ortsteile von Todoque, El Paraiso und La Laguna. Die Bewohner wurden evakuiert.
Was übrig blieb: Häuser, die nicht direkt von der Lava getroffen wurden, aber durch die Nähe zur Lavazone wertlos wurden. Mehrere hundert Gebäude in Las Manchas, La Bombilla und Puerto Naos blieben jahrelang unbewohnbar wegen erhöhter CO2-Werte aus dem Untergrund. Ein Teil ist seit 2024 wieder zugänglich, aber traumatisiert. Viele Eigentümer verkaufen nicht, kommen aber auch nicht mehr zurück.
5. Wirtschaftliche Faktoren
- Renovierung lohnt sich nicht: Kanarisches Bauland ist im Norden so billig, dass Renovierung mehr kostet als Neubau
- Erschließung fehlt: Straßen, Wasser, Strom – im überlandlichen Garafía fehlt oft Infrastruktur
- Bausubstanz: ungeeignete Materialien (Bims-Steine ohne Isolierung, Lehm-Dächer) zerfallen in 50 Jahren
- Brandgefahr: die jungen Pinienwälder sind brandanfällig, Schutzkosten hoch
Lösungsansätze
Die kanarische Regierung hat 2022 ein Programm gestartet: „Recuperando viviendas vacías“ (Wiederbelebung leerer Wohnungen). Es bietet Steuervergünstigungen für Eigentümer, die ihre Häuser vermieten. Plus Erbenfindungs-Service der Notarkammer, der versucht Auslandserben zu kontaktieren.
Bislang mit begrenztem Erfolg – 200-300 Häuser pro Jahr werden auf La Palma so wieder bewohnt. Bei 12.000-15.000 leerstehenden Gebäuden ist der Weg lang.
Was bedeutet das für Käufer?
Wer sich von einem verfallenen Haus am Wegrand begeistern lässt und denkt „das könnte mein Refugio werden“: Vorsicht. Prüfen mit Anwalt:
- Wer ist im Grundbuch eingetragen?
- Wann starb der letzte eingetragene Eigentümer?
- Gibt es bekannte Erben? Wo wohnen die?
- Hat das Haus eine Bauurkunde?
- Kann eine Erbenkette dokumentiert werden?
Nicht selten sind solche Prüfungen 2-5 Jahre Arbeit. Für geduldige Käufer kann sich das aber lohnen – ein Haus mit Charakter, halb verfallene Steinmauern, alte Mandelbäume drumherum, Gesamtpreis 30.000-80.000 €. Renovierung dann 80.000-200.000 €. Aber dann hat man etwas, das mit Liebe entstanden ist und einzigartig bleibt.
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